Ein dummer Mensch
Gespräch mit Arnold Stadler über Literatur als stellvertretende Erinnerung, den „sprachverschlagenden“ Tod und sein eben erschienenes Buch „Einmal auf der Welt. Und dann so.“  

Ihre ersten drei Romane, „Ich war einmal“, „Feuerland“ und „Mein Hund, meine Sau, mein Leben“, sind gerade neu erschienen, in einem Band, der einen eigenen Titel bekommen hat. 
 

Drei Bücher in einem, vielleicht war das von Anfang an so gedacht. Begonnen hab ich ja vor genau fünfundzwanzig Jahren, da sagte ich mir: du schreibst jetzt dein Buch, und dann ist es gut. Es ging es aber doch weiter. Und jetzt sind diese drei Romane, die mir sehr wichtig sind, in einem Band erschienen unter dem Titel „Einmal auf der Welt. Und dann so.“ Mein Schreiben, das stelle ich immer mehr fest, hat mit der Bewältigung der Tatsache, dass ich sterblich bin, zu tun. Dabei ist nicht der Tod ist mein Thema, sondern die Vergänglichkeit. Der Tod ist etwas Sprachverschlagendes. Schon die Epikureer haben ja gesagt, dass es, salopp gesagt, nichts bringt, sich damit zu quälen, denn solange wir leben, sind wir nicht tot, und wenn wir tot sind, leben wir nicht mehr. Die waren schon Quineianer – der analytische Philosoph Quine war ja zeitlebens stolz darauf, das Fragezeichen aus seiner Schreibmaschine eigenhändig ausgebaut zu haben. Also die Vergänglichkeit. Und das hängt vielleicht gar nicht mit dem Schreiben zusammen, sondern mit dem Glauben.  

Sie stellen den Romanen Motti voran, die es in der ersten Fassung nicht gab.
  

Ich habe die ganze Geschichte eingebettet in drei Leitsätze von für mich äußerst wichtigen Sprach-Autoritäten, zunächst Hölderlin, dann – er steht stellvertretend für die griechische, lateinische und auch frühchristliche Antike – Herodot, für die alte Welt, und schließlich die Psalmen.  

Hatten Sie von Anfang an auch die Idee, in die Bücher einzugreifen? Es sind ja Kapitel umgestellt, es sind Kapitel geteilt, es ist ein bisschen was weggefallen, es ist etwas eingefügt
.  

Ich gehöre auf jeden Fall zu den Schriftstellern, die immer wieder umschreiben, das heißt auch: streichen. Meine Bücher sind auch eine Folge von nicht gestrichenen Sätzen. In meinem Leseexemplar der gerade erschienenen Trilogie habe ich schon gestrichen, aber auch Sätze dazugeschrieben und umgestellt. Das Schreiben ist im Prinzip für mich nie abgeschlossen. Das Schreiben hört nie auf, sowenig wie die Liebe, auch zum Schreiben, das heißt: das Lesen.  

Sie müssen einen sehr lebendigen Begriff von Erinnerung haben, Sie deuten und gewichten Ihre Kindheit, Jugend, Adoleszenz ja jetzt neu. 
 

Der erste Teil von „Ich war einmal“ hat den Titel: „Erinnerung, zweite Gegenwart“. Diese Erinnerung hat sich von der banalen individuellen, persönlichen Erinnerung längst gelöst. Es ist eine künstlerische Erinnerung, der Versuch einer stellvertretenden. Ich schreibe ja nicht nur für mich, ich schreibe auch, damit etwas aufgehoben ist für die, die nicht geschrieben haben. Meine Großmutter hat gesagt: Ich müsste mal ein Buch schreiben. Das hat sie nicht getan, sie ist gestorben. Erinnerung hat auch mit Imagination zu tun.  

Ihre Großmutter tritt mit dem schönen Satz aus Psalm 90 auf: „Einmal das Dorf hinauf und hinunter: So sind wir unterwegs.“
  

Den Satz hab ich selbst dem Leben abgelauscht und meiner Großmutter in den Mund gelegt, die eine tolle Frau war, mit der ich lesen und schreiben gelernt habe, um zu würdigen, dass sie eine meiner Schreibmeisterinnen ist.  

Wenn ich jetzt Sie fragen würde, inwiefern sich die erste und die zweite Fassung der Autobiographie unterscheiden – könnten Sie es benennen?
  

Ich finde sie unterscheiden sich überhaupt nicht, es ist nur alles anders. An dieser Stelle müssten Sie eigentlich das Gespräch beenden, Sie sitzen mit einem Trottel am Tisch.  
(Ein Festzug der Feuerwehr kommt vorbei.)  

Zu den Unterschieden also: Wir haben zum Beispiel einen neuen Titel, wir haben Leitsätze, und wir haben zwei neue erste Seiten, die – wie in einer Ouvertüre – die Grundmotive anklingen lassen. Das ist zum einen Vergänglichkeit, zum anderen Scherz, Satire und Ironie als Mittel, ihr zu begegnen, und dann noch die Bank, ihre Nachstellungen, als irdische Bedrohung.  

Als Todesdrohung.  

So endet das Buch, mit der Zwangsversteigerung.
  

Es beginnt auch so.  

So beginnt es, es folgt ein ewiger Aufschub, als der Ich-Erzähler von Feuerland zurückkommt, erwartet ihn wieder ein Brief von der Bank, und am Ende ist es dann endlich soweit.
  

Es ist meine Lebenserfahrung, dass zwei Unglücksfälle, zwei Schmerzen, nicht so schlimm sind wie ein einziger, man kann immer schön verteilen. Der Schmerz des Ich-Erzählers rührt also von da, dass er glaubt, eine tödliche Krankheit zu haben, und gleichzeitig ist er bedroht in der objektiven Existenz. Wie die ganze  Sippe, die da schon über 350 Jahre haust, und das „Haus mit dem Schmerz als Grundriss ...“  

Das ist ein sehr schönes Bild, es steht gleich am Anfang.
  

Am Anfang ist schon alles gesagt, gleich auf der ersten Seite. Man weiß zwar nicht, wie es ausgeht, hoffentlich, denkt sich aber schon: Ach, warum ist auch dieses Leben auf das Unglück abonniert!  

Aber doch nicht nur.
  

Nein, nicht nur.  

Es gibt strahlende Momente, es gibt einiges, was dem jungen Mann auch gelingt. 
 

So ist es im Leben. Diese Person ist ja keine Konstruktion, sie entspricht der Zerrissenheit oder dem Reichtum, einer möglichen Zerrissenheit und einem möglichen Reichtum eines einzelnen Kopfs oder einer einzelnen Seele. Es sind immer zwei Herzen, zwei intellektuelle Dimensionen, die das Ganze einer Person, wie sie in meinen Büchern vorkommt, ausmachen, wie das Glück und das Unglück.  

Es gibt natürlich die kleineren oder größeren Missgeschicke, das Unbeholfensein in der Welt, aber der Ich-Erzähler will aufbrechen, und er kommt auch bis ans Ende der Welt, nach Feuerland, er will Papst werden, und er kommt nach Rom, dort öffnen sich bald die exklusivsten Zirkel für ihn. Ist das nicht auch eine Erfolgsgeschichte? 
 

Als er nach Rom aufbricht, ist das die Erfüllung eines Gelübdes, es hat sich herausgestellt, dass seine Diagnose eine Fehldiagnose war. Da will er schon nicht mehr Papst werden. Ich hab gerade „Fräulein Julie“ von Strindberg gelesen, diesen Satz, ich kannte ihn damals noch nicht: „Es ist so weit  bis zum ersten Ast.“ Von wegen Papst. Dadurch, dass der Wunsch einem Kind in den Mund gelegt wird, von einem Erzähler ex post, ist klar, dass er in den Bereich einer kindlichen Phantasie gehört. Aber es ist schon bemerkenswert, dass dieser Mensch nicht Kampfpilot werden wollte.  

Das Kind steht im Zentrum von „Ich war einmal“, seine Geschichte hat andere Töne als die Geschichten in den späteren Büchern, es kommen andere Erzählmuster vor, kurze, hart gefügte Episoden. Zum Beispiel „Lisl zeigt sich am Fenster“: Es beginnt folgendermaßen: „Ich sehe nicht, was Lisl sieht. Ich sehe das Foto. Von ihrer schönen Haut bleibt nur ein so und so gefärbtes Stück Papier. Aus demselben Stück Papier ist auch noch ihr schönes Kleid gemacht. Ihr blondes Haar ein Stück Zellophan. Ich weiß nicht, woraus Bilder sind.“
  

Diese Art von Satz, dieser indikativische Vergegenwärtigungszustand, es sind Bilder in kleinen einsilbigen Sätzen, das ist das Urbild eines Satzes bei mir, damit hat mein Schreiben angefangen. Vielleicht haben Sie hier den Kern meiner Poesie.  

Und nun gibt es am Schluss die Einfügung: „Sonntagnachmittag, es gibt niemanden, der mit mir spielt, und in meinem Kopf vielleicht schon der Gedanke, dass ich sterblich bin, über den ich nie hinauskam.“ 
 

Den Satz hab ich aus dem dritten Teil geklaut, damit das Ganze eins wird, um leitmotivisch etwas zu evozieren an dieser Stelle.  

Aber es ist ein Satz aus „Mein Hund, meine Sau, mein Leben“, einer, den Sie am Anfang nicht so hätten schreiben können oder wollen. Richtig? Oder falsch?
  

Richtig und falsch. Darüber muss ich jetzt nachdenken. Das erste Buch ist ja zweigeteilt, Teil eins „Schmerzensfreitag“, Teil zwei „Erinnerung, zweite Gegenwart“. Darin sind die ganzen präsentischen, weniger erzählenden als beschwörenden Passagen, und man könnte meinen, dass das dem Erzählfluss in die Quere kommt. Aber das musste so sein. Da wird die Erinnerung zu einer zweiten Gegenwart. Und dann kommt die Vergegenwärtigung im Angesicht des Todes oder des vermeintlichen Todes.  

Diese Angst produziert eine ganze Menge. Sie konzentriert sich auf das bedrohliche Muttermal, der Ich-Erzähler fürchtet, an Krebs zu sterben, und das wird zur Triebkraft für das Leben, für den Aufbruch. Da fließt die Erinnerung mit der Gegenwart „zu einem einzigen Präsens“ zusammen. 
 

An dieser Stelle kommen die alten indikativischen Passagen, diese Beschwörungen. Die erzählenden Teile von „Ich war einmal“, die kleinen Geschichten habe ich weggelassen.  

Auch die Namensreihen, wo sieben Mal untereinander der Name „Heidegger“ steht.
  

Ja.  

Sie haben ja oft über Heidegger geschrieben und nachgedacht. Lassen wir ihn diesmal weg?
  

Den lassen wir weg.  

Dann machen wir bei den Veränderungen weiter?
  

In „Feuerland“ habe ich lauter neue Kapitelüberschriften gefunden. Es gab ja keine in der alten Fassung.  

Es gab schon welche, sie beginnen alle mit „Wie …“ „Wie der Sohn des Fellhändlers starb“, „Wie ich nach Amerika kam“, „Wie ich mit meinen Verwandten unseren Heimatfriedhof besuchte“ usw.
  

Aber die waren nur im Inhaltsverzeichnis. Im Text gab es Ziffern, römische, und jetzt gibt es Überschriften, das ist eine Konzession an das Gesamtkonzept.  

Es scheint mir ein bisschen mehr. Das erste Kapitel hieß: „Wie der Sohn des Fellhändlers starb“, jetzt heißt es: „Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir“. Wird aus der Abenteuergeschichte eine Sehnsuchtsgeschichte?
  

Dieser Todesfall am Anfang von Feuerland war schon damals als Fanal gedacht. Dieser Gedanke des Sich-vor-den-Zug-Werfens als erstes Lebenszeichen, das bin ich, das ist meine Art, sprachlich auf das Sprachverschlagende zu reagieren. Das ist auch eine Sehnsucht, aber eine ganz schwarze, ebenerdige, finale, ganz ohne blaue Fernen mit einem Himmel über allem, der Skye und heißen ist. Ich hab’s ja mit den Leitmotiven, mit dem Komponieren auch, aber dazu fehlt mir das Besteck.  

Wenn es geklappt hätte mit der Musik, was hätten Sie komponiert? Oper, Fantasien, Kammermusik …?
  

Wie Schumann vielleicht hätte ich komponieren wollen, wenn schon. Seine „Waldszenen“. Oder wie Bach. Oder wie Schubert. Ich könnte jetzt ein paar Takte nennen, aber ich bin doch kein Angeber! Wagner gefällt mir natürlich auch, aber das ist eine Gegenwelt, und ich bin nicht dazu da, die Welt neu zu erschaffen, das ist mir zu viel, zu groß. Ich bin kein Schöpfer, der eifersüchtig ist auf Gott und beleidigt, dass es etwas Größeres gibt als ihn selbst.  

Bleiben wir noch ein wenig bei der Literatur. Ihr ganzes Werk zeichnet sich durch eine Lust an der Mischung von Tönen und Perspektiven aus. 
 

Sie könnten auch sagen durch Brüche. Alles Eindeutige, Konsequente wäre für mich eine Konstruktion. Es ist nicht alles Unglück, und es ist nicht alles Glück. Das Glück ist eine Vorstellung, die schönste Vorstellung, und manchmal kommt es auch, das Glück, klar. Und das gilt für dieses Buch genauso, es mündet in ein Jasagen, obwohl ein Neigungswinkel zum Verstummen und Verneinen auch da ist, die ganze Zeit und wie überall. Wie auch das gegenteilige Phänomen: dass wir am liebsten „ja“ sagen und uns alle finden „beim höchsten Fest“.  

Die Bejahung trotz Neigungswinkel wird ganz deutlich in „Feuerland“. In der ersten Fassung endet das Buch mit einem doppelten Tod, in der zweiten doch mit Leben.
  

Mit: „Was ist ‚lieben’? Ist es ein Tu-Wort?“ … Bevor ich darüber nachdachte, wusste ich es noch … Das ist eigentlich ein Lebensmotiv von mir. Ich halte nämlich alle wesentlichen Fragen für nicht verantwortbar. Die Liebe – das ist doch eine der großen Fragen, wenn man solche Fragestellungen überhaupt noch für legitim hält. Die analytische Philosophie hält sie nicht für legitim, aber das ist nicht mein Problem, ich bin kein analytischer Philosoph, heiße nicht Quien, ich bin überhaupt kein Philosoph, sondern ein dummer Mensch ...    

... eine gute Voraussetzung ...
 

… der mit einer wahnsinnigen Begabung des Sehens und auch des Hörens, des Wahrnehmens, gestraft ist …  

… oder ausgezeichnet …  

… das ist jedenfalls eine Formel für alle wesentlichen Fragen. Ich bin über Augustin einst draufgekommen, der fragt: Was ist eigentlich die Zeit? Quid est enim tempus?  Und dann sagt er ganz kompliziert, was es ist. Aber unterm Strich sagt er, er wusste es noch, bevor er darüber nachdachte.  

Sie sagen auch etwas sehr Schönes über die Zeit: „Hätte mich damals einer gefragt: ‚Was hast du die ganze Zeit gemacht’“, dann hätte ich sagen können: ‚Ich habe gelebt.’ Und nach der Zeit gefragt, hätte ich mir sagen müssen: ‚Sie ist vergangen.’“
  

Ich glaube, meine Bücher leben von Sätzen. Ich bin doch nicht als Schriftsteller auf der Welt, um irgendwelche komplexe Gedanken notdürftig schriftstellerisch zu verkleiden. Das sollen die Philosophen und Sachbuchautoren machen. Ich verstehe mich als ein solcher Schriftsteller, der auf Suche nach den richtigen Sätzen ist. Und die müssen Poesie im Bauch haben. Das gilt bitteschön auch für den Roman oder die so genannte Prosa. Die Geschichte und Gedanken gibt es immer, aber die richtigen Sätze gibt es nicht immer. Ich stehe der Welt nicht mit einem analytischen Verlangen gegenüber. Ich hätte vielleicht ein analytisches Besteck, aber ich will es nicht. Ich reagiere eher wie ein Kind, dem immer wieder mal was einfällt. Mit sechs Jahren fiel mir irgendwann im Stall bei der Arbeit, ich weiß noch die Stelle, es war im Futtergang, rechts und links so fünfundzwanzig  Kühe, denen habe ich Heu rein geschmissen, das erste Gedicht ein. Das war so, wie man es rekonstruiert: am Anfang der Poesie steht das Orale, das Aufschreiben kommt später. 

Den gesamten Text, erschienen in VOLLTEXT 3/2009,
schicke ich Ihnen gerne auf Anfrage.
http://volltext.net/heftarchiv/heft-detail/article/5274/