Es gab einmal eine Emilie, die wohnte in einem Raum. Wenn sie morgens aufwachte und aufstand, nahm sie sich zwei Fenster und hängte sie auf irgendeine Wand. Schon war es hell im Zimmer und sie konnte in eine Landschaft hinausschauen. War es ihr zu grell, zog sie die Vorhänge noch einmal zu und dann wieder auf. So kam Sonne hinein. Mit den Türen ging sie ähnlich vor. Doch da sie im 3. Stock wohnte, gab es Probleme, und so erdachte sie sich einen Balkon und definierte sich eine Leiter herbei, um rüstig zwischen Erde und Himmel herumzuklettern.
Emilie ist eine Kopfgeburt, erfunden von Kurt Schwitters. Ihre Fenster und Türen sind Schwellen – Dazwischenorte, Dazwischenwelten; Momente des Übergangs, in denen alles möglich ist. Nicht erst Paul Valéry nannte solche Schwellen points de discontinuité – Orte der Plötzlichkeit, wenn man so will; und auch Emilie kann uns ein Liedchen singen von den Grenzen plötzlichen Erkennens im Dazwischen. „Wenn sie mit ihrem Fenster eine Innenwand traf“, so erzählt Schwitters, „blieb es natürlich dunkel.“
Tag für Tag bewältigen wir unser Dasein. Die reale Welt okkupiert uns. Wir essen, kochen, kaufen ein, wir arbeiten, verhandeln dies, entscheiden jenes. Das Dickicht der Gegenwart hält Schocks und Nöte bereit; wir verstricken uns in den unerbittlichen Anforderungen des gewöhnlichen Lebens und dabei bleibt es nicht selten dunkel. Doch da ist noch eine andere Welt: die Welt der Vorstellungen und Sinneseindrücke, die Welt der Anschauungen und der Begriffe, das Reich, das sich hinter Fenstern und Türen auftut. Hätte Emilie nicht die Fenster gehabt, hätte sie wohl zu anderen Mitteln greifen müssen, wie die jüngste Schwester in dem Märchen Fitchers Vogel der Gebrüder Grimm, die sich vor der Gewaltherrschaft des Zauberers nur in die Freiheit retten kann, indem sie ihren Körper erst in Honig und dann in Bettfedern wälzt. Doch in welche Fitchersvögel verwandelten sich die Künstler im Jahr 1930 und wohin gelangten sie?    
Nach wie vor beunruhigt die Frage, wie es geschehen konnte, dass der Sieg der Nationalsozialisten 1933 so beschämend einfach war. Und sie beunruhigt umso stärker, je mehr heutzutage einzelne Augenblicke Parallelen zur Zeit vor dem Ende der Weimarer Republik wachzurufen scheinen. Und je mehr heute selbsternannte Alarmisten und Autokraten Parallelen herbeireden.
Jedes Jahr besteht bekanntlich aus Milliarden lebendiger Augenblicke. Doch allzu lange haben wir uns weniger auf die Augenblicke, denn auf den sich rapide beschleunigenden Strom der Geschichte konzentriert und darauf, wie er die Menschen in Deutschland erfasste – vom Börsencrash 1929 bis zur Machtübergabe an die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933. “Unmerkbar” änderten sich die Vorzeichen, “unsichtbar” lagerten sich die Begriffe um, notierte Carl Einstein im Jahr 1930. Um einen Zipfel davon zu erheischen, was damals unmerkbar und unsichtbar geschah, werden in diesem Buch einige wenige der Milliarden lebendiger Augenblicke des Jahres 1930 stillgestellt.  

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