Eulen auf dem Dach

"Die Landschaft der Kindheit", heißt es in einem Ihrer Essays, "legt Spuren für den Landschaftsblick aller weiteren Jahre. Die Kindheitslandschaft sozialisiert ohne Hinweis. Sie schleicht sich in uns hinein." In Ihrer Kindheit liefen die Maisfelder um die ganze Welt.

Diese riesigen sozialistischen Maisfelder. Wenn man mittendrin im Feld zwischen den dichten Maisstengeln stand, war das Feld ein Wald. Es reichte einem über den Kopf, man sah nicht hinaus. Aber es fehlten oben die Kronen, es gab keinen Schatten, die Sonne glühte einem den ganzen Tag auf dem Kopf, den ganzen Sommer. Und dann im Spätherbst gab es die vielen vergessenen Felder. Sie blieben dürr und zerzaust stehen, sie wurden nicht geerntet. Man sah sie von weitem. Der Schnee kam und sie zogen über die Ebene. Und so von weitem und von außen gesehen waren sie wie hungrige Herden, die senkrecht um die ganze Welt ziehen. Senkrecht, ja.

In dieser überdimensionierten Landschaft fühlt sich das Kind verloren, es spürt seine erste große Einsamkeit.

Das ist auch so geblieben. Ich glaube, es gibt zwei Menschentypen, und die unterscheiden sich in der Art, wie sie Landschaft spüren. Die einen steigen gerne auf einen Berg, stehen
mit den Füßen dicht unter den Wolken und beherrschen das Tal, mit dem Kopf, mit dem Blick. Die kriegen oben einen freien Atem, da wird ganz groß geschnauft und die Brust weitet sich. Und die anderen fühlen sich, wenn sie oben stehen und hinunterschauen, erst richtig verloren. Ich gehör zu den Verlorenen, mir schnürt sich der Hals zu. Je größer der Ausblick ist, desto beengter und bedrängter bin ich. Als könnte ich gleich hops gehen, mein Vorhandensein wird völlig infrage gestellt. Ich glaub, das passiert wegen der Unendlichkeit,
in die ich mich sofort hineinversetze, und vor der bin ich im Grunde nichts. Ich schaue in eine weite Landschaft und spüre mich in einer großen Ausweglosigkeit.
Früher habe ich die Natur als körperliche Drangsalierung erlebt, sie ist ja gnadenlos, sie friert, brennt und du brennst oder frierst mit. Die sengenden, heißen Sommer, der Durst
im Hals, der Staub der Erde, du kannst dich nicht wehren. Der Körper ist dafür nicht gemacht, er tut weh und ist müde. Man ist eben kein Stein oder kein Baum. Das Material, aus dem du bist, hält der Natur nicht stand, es ist lächerlich, vergänglich.
Es entstand bei jeder Feldarbeit eine Trauer, die ich nicht haben wollte, weil sie noch zusätzlich Kraft kostet. Aber sie kam, sie war gegen mich und ließ mich nicht in Ruhe. So eine grundlose, blöde Trauer war da, als hätte sie jedesmal da auf dem Feld oder im Flusstal auf mich gewartet: Wie lange gehört dir dieser Körper, wie lange bist du am
Leben? Du kannst noch so oft in der Landschaft sein, du gehörst nicht dazu. Ich fand die Natur feindselig. Auch im Winter.
Später erfuhr ich dann, dass Naturphänomene eingesetzt werden, um Menschen zu quälen, in Gefängnissen, in Lagern. Polarkreis und Wüste, Frost und Hitze können töten und lassen
sich wie Folterwerkzeug benutzen, um Leute zu vernichten. Mir fiel das immer ein und ich konnte auch später in der Stadt nicht verstehen, dass andere sich erhaben fühlen, sie
stellen sich auf einen Berg und schauen mit den Augen und Zehen ins Tal und sind glücklich. Wie geht das bei denen?

Die Natur erscheint feindselig, weil man in ihr ausgeliefert ist und sich in ihr und gegen sie behaupten muss? Natur kommt in Ihrem Werk ja nie als Ort des Spiels oder der Kontemplation vor, sondern nur als einer der härtesten Arbeit.

Für die Dorfleute war die Landschaft weder hässlich noch schön, sondern ein Arbeitsplatz, eine Nutzfläche. Die Bauern brauchen die Landschaft, um zu überleben, das Wetter entscheidet, ob die Ernte was wird oder nicht. Und der ständige Boykott der Natur, mal überschwemmt sie, mal verdorrt sie alles, mal kommt ein Hagel oder ein Sturm und schlägt alles kaputt. Ich habe die Landschaft nie gemocht. Trotzdem hatte ich eine sehr enge Beziehung zu Pflanzen. Ich war oft allein in der Landschaft, das Beobachten hat geholfen. Ich musste dort im Tal sein, den ganzen Tag, und der Tag war endlos lang. Was sollte ich denn tun? Dann habe ich mich eben mit den Pflanzen beschäftigt. Das hat sich so ergeben. Es war mir nicht bewusst, aber ich suchte einen Halt.
Ich habe alle Pflanzen gekostet, jeden Tag von allen gegessen. Alles schmeckte herb, sauer, scharf oder bitter. Offenbar bin ich nie auf etwas Giftiges gestoßen. Vielleicht gab mir die tägliche lange Einsamkeit so einen Instinkt wie bei einem Tier. Warum habe ich zum Beispiel nie eine Tollkirsche oder Maiglöckchen gegessen? Das Tal grenzte an den Waldrand, dort gab es viele Maiglöckchen.

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